Dienstag, 6:40 Uhr. Mila ist vier und glüht. Das Thermometer zeigt 38,9 Grad, ihre Kita nimmt ab 38 Grad keine Kinder an, und um acht beginnt Janas Schicht. Jana ist alleinerziehend und arbeitet in Vollzeit. Netto bleiben ihr rund 1.900 Euro im Monat. Sie greift zum Telefon, um sich kindkrank zu melden. Es ist nicht der erste Infekt in diesem Herbst.
Kinder-krank-Tage: Seltener genutzt, als die Politik denkt
Jana und Mila sind erfunden. Ihr Problem ist es nicht. Hunderttausende Eltern müssen jedes Jahr entscheiden, wer zu Hause bleibt, wenn das Kind krank wird. Ab Januar 2027 wird diese Entscheidung für manche Familien teurer. Denn die Bundesregierung lässt die erhöhten Kinderkrankentage auslaufen. Was als Ausnahme gedacht war, soll wieder auf den früheren Stand zurückfallen. Nur sind Kinder seitdem nicht verlässlich gesünder geworden.
In Deutschland leben rund 8,4 Millionen Familien mit minderjährigen Kindern. 1,62 Millionen davon sind Alleinerziehende, in gut acht von zehn Fällen Mütter. Wie häufig Eltern wegen ihrer Kinder bei der Arbeit fehlen, zeigen Zahlen der AOK: 2025 beantragten 4,6 Prozent ihrer anspruchsberechtigten Versicherten mindestens einmal Kinderkrankengeld. Pro Krankheitsfall blieb ein Elternteil im Schnitt 2,5 Tage zu Hause. Drei Viertel dieser Tage nahmen Frauen.
→ Rente: 1.300 Euro, Pension: 2.700 Euro. Warum Beamte oft doppelt so viel bekommen wie Rentner
Das sind keine Zahlen, hinter denen sich eine Drückeberger-Epidemie versteckt. Auch die AOK sieht laut ZDF keinen Missbrauch. Sie zeigen vielmehr, wie Eltern versuchen, Beruf und Betreuung unter einen Hut zu bekommen. Und wie wenig Puffer dabei manchmal bleibt.
Ab 2027 fehlen Eltern fünf Kinderkrankentage
Gesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) hat am 23. September in der Regierungsbefragung des Bundestags erklärt, dass die erhöhten Kinderkrankentage nach 2026 nicht verlängert werden. „Das ist eine Regel, die wir eingeführt haben während Corona“, sagte er.
Damit gilt ab dem 1. Januar 2027 wieder die reguläre Zahl: zehn Kinderkrankentage pro Kind und Elternteil statt bisher 15. Alleinerziehende haben dann 20 statt 30 Tage. Bei mehreren Kindern sinkt die jährliche Obergrenze für Eltern von 35 auf 25 Tage, für Alleinerziehende von 70 auf 50.
Dafür muss der Bundestag nicht einmal aktiv werden. Die Sonderregelung in Paragraf 45 des Sozialgesetzbuchs V läuft am 31. Dezember aus. Die Kürzung ist also das, was passiert, wenn die Regierung nichts tut.
→ Rente: Du arbeitest 45 Jahre – andere bekommen 5 Jahre geschenkt
Linnemann ärgert sich über den Vorwurf, er schaffe die Kinderkrankentage ab. „Es werden 10 Tage sein, mal zwei sind 20 Tage im Jahr“, rechnete er im Bundestag vor. Auf dem Papier stimmt das, sofern zwei Elternteile im Haushalt leben, beide gesetzlich versichert und angestellt sind und die Tage untereinander aufteilen können.
In der Praxis nehmen Frauen allerdings 73 Prozent der Kinderkrankentage. Der Anspruch des anderen Elternteils löst das Betreuungsproblem also nicht automatisch. Und Alleinerziehende können sich ohnehin mit niemandem abwechseln.
Was fünf Krank-Tage Eltern kosten können
Für jeden Kinderkrankentag zahlt die Krankenkasse Kinderkrankengeld. Es beträgt grundsätzlich 90 Prozent des ausgefallenen Nettoarbeitsentgelts, bei bestimmten Einmalzahlungen in den vorangegangenen zwölf Monaten 100 Prozent. Davon gehen noch Sozialversicherungsbeiträge ab. Der Anspruch ist zudem nach oben begrenzt.
Zurück zu Jana. In der Modellrechnung benötigt sie im Jahr 25 Kinderkrankentage. Das ist kein Durchschnittsfall, sondern ein belastender Herbst und Winter mit mehreren Infekten. 2026 kann sie dafür 30 Tage nutzen. 2027 stehen ihr nur noch 20 zu.
→ Kindergeld: Das ändert sich ab 2027
Fehlen ihr fünf Tage, muss sie eine Lösung finden. Nimmt sie unbezahlte Freistellung, zahlt die Kasse für diese Tage kein Kinderkrankengeld mehr. 2026 hätte sie nach Abzug der Sozialbeiträge rund 54 Euro pro Tag bekommen. Die Kürzung kostet Jana damit rund 270 Euro.
Das ist eine Modellrechnung. Die konkrete Höhe hängt von der Entgeltbescheinigung des Arbeitgebers ab. Jana könnte auch Urlaub nehmen oder eine andere Betreuung organisieren. Dann fällt der finanzielle Verlust anders aus, das Problem verschwindet aber nicht.
In Paarfamilien bleibt es meist an der Mutter hängen
In Paarfamilien sieht es nicht automatisch besser aus. Sandra verdient in unserem zweiten Modell rund 2.300 Euro netto im Monat. Ihr Sohn Ben benötigt 15 Kinderkrankentage im Jahr, und Sandra übernimmt sie alle selbst. Ihr Mann Tobias hat einen eigenen Anspruch, aber in der Familie ist die Betreuung bislang so verteilt, dass Sandra zu Hause bleibt.
2027 fehlen ihr fünf Tage. Nimmt sie diese unbezahlt, entgeht ihr Kinderkrankengeld von rund 65 Euro pro Tag, zusammen rund 325 Euro. Tobias könnte einen Teil der Betreuung übernehmen, sofern seine eigenen Tage noch verfügbar sind und die Familie das organisiert bekommt. Dass ein zweiter Elternteil existiert, ist eben noch keine Betreuungsstrategie.
Mehr verlieren nur Spitzenverdiener. Für 2027 wird mit einem voraussichtlichen Höchstbetrag von 148,75 Euro pro Tag gerechnet. Fünf Tage entsprechen damit bis zu rund 740 Euro Kinderkrankengeld vor Abzügen, zehn Tage bis zu rund 1.490 Euro. Das sind Höchstbeträge, keine typischen Verluste.
Wer seine Kinderkrankentage aufgebraucht hat, kann nicht einfach weitere Tage bei der Krankenkasse abrechnen. Dann bleiben je nach Situation Urlaub, eine Vereinbarung über unbezahlte Freistellung oder eine andere Betreuungslösung. Die Oma hilft, sofern sie in der Nähe wohnt und nicht selbst gerade krank ist.
Die Regierung verlängerte die Corona-Regel selbst
Linnemann begründet die Rückkehr zu zehn Tagen mit der Pandemie. Nur ist die Geschichte komplizierter, als seine Erklärung klingt. Die Corona-Sonderregeln für Kinderkrankentage endeten 2023. Die erhöhten Ansprüche für 2024 und 2025 beschloss der Haushaltsausschuss im Oktober 2023, nach dem Ende der Pandemie. Sie wurden im Pflegestudiumstärkungsgesetz verankert, einem Gesetz, das eigentlich die Ausbildung von Pflegekräften an Hochschulen stärken sollte.
Im August 2025 brachte dann das Kabinett von Friedrich Merz die Verlängerung für 2026 auf den Weg. Am 29. Dezember 2025 stand sie im Bundesgesetzblatt. Die Regel, die Linnemann im September als Corona-Erbe auslaufen lassen will, hat seine eigene Regierung also neun Monate vorher noch einmal verlängert. Die politische Verantwortung verschwindet nicht dadurch, dass eine Regelung ursprünglich in der Pandemie entstanden ist.
→ Börsenexperte: Der Crash ist da. Schon wieder.
Auch die SPD widerspricht. Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig sagte, ihre Partei habe bei der Gesundheitsreform ausgehandelt, dass es bei den Kinderkrankentagen bleiben solle. Ein öffentliches Papier, das diese Zusage belegt, liegt bislang nicht vor.
Für eine Fortsetzung der erhöhten Ansprüche müsste der Bundestag allerdings rechtzeitig ein Gesetz beschließen. Für die Kürzung reicht es, nichts zu tun. Das ist der entscheidende Unterschied.
Spart die Kürzung tatsächlich Geld?
Die Bundesregierung will mit ihrem Maßnahmenpaket den Krankenstand senken. Doch bei den Kinderkrankentagen stellt sich die Frage, wie groß der Spareffekt tatsächlich sein kann. Thüringens Gesundheitsministerin Katharina Schenk (SPD) weist darauf hin, dass die allermeisten Eltern ihre 15 Tage gar nicht ausschöpfen. Die AOK-Zahlen passen dazu: Pro Krankheitsfall waren Eltern 2025 im Schnitt 2,5 Tage zu Hause. Das allein sagt zwar nicht, wie viele Tage jede Familie im ganzen Jahr benötigt. Es zeigt aber, dass die volle Zahl der verfügbaren Tage keineswegs automatisch genutzt wird.
Bei Eltern, die ohnehin höchstens zehn Tage beanspruchen, spart die Kürzung nichts. Weniger Kinderkrankentage werden erst dann finanziell relevant, wenn Familien die bisher zusätzlich verfügbaren Tage tatsächlich benötigen. Betroffen sind also vor allem jene, bei denen sich Krankheiten häufen: Familien mit kleinen Kindern, mehreren Kindern oder wenig Unterstützung im Alltag.
Das ist der paradoxe Kern der Reform. Die große Mehrheit verliert möglicherweise nichts unmittelbar. Für die Familien, die den zusätzlichen Puffer brauchen, wird es dagegen schnell teuer.
Zehn Tage wie vor Corona
Linnemann hat in einem Punkt recht: Zehn Kinderkrankentage gab es auch vor Corona. Für viele Familien wird sich 2027 deshalb wenig ändern. Für andere bedeutet die Rückkehr zur alten Regel, dass der Puffer früher aufgebraucht ist und der nächste Infekt unmittelbar ins Haushaltsbudget schlägt.
Im November 2027 hat Mila wieder Fieber. Jana hat ihre 20 Tage bereits ausgeschöpft. Der Anspruch ist weg, das Fieber nicht. Im Ministerium heißt das Rückkehr zur Normalität.